
Fachartikel mit Quellen. Stand: Oktober 2026. Kurze Sätze, kurze Absätze. Meine Erfahrung steht getrennt am Ende.
Hinweis: Das ist ein Fachartikel. Er fasst Fachwissen zusammen. Es ist keine Beratung und keine Therapie.
Das Wichtigste
- Manche Kinder sind sicher: „Mein Körper passt nicht zu mir.“
- Fachleute nennen das Transidentität. Das heisst: Das gefühlte Geschlecht passt nicht zum Geschlecht bei der Geburt.
- Ein Fachartikel im Deutschen Ärzteblatt (2020) schätzt: 2 bis 3 von 100 Kindern und Jugendlichen erleben das.
- Bei Kindern verliert sich das Gefühl oft wieder. Bei Jugendlichen bleibt es meist.
- Was am meisten hilft: Eltern, die zuhören. Und eine Umgebung ohne Spott.
- Eine eigene Störung ist es laut Artikel nicht. Leiden kann trotzdem entstehen. Dann ist Begleitung sinnvoll.
- Seit 2025 gibt es eine neue Leitlinie für Fachleute. Fachleute sind sich nicht in allem einig, vor allem bei Medikamenten und Operationen.
Wörter kurz erklärt
- Transidentität: Das gefühlte Geschlecht passt nicht zum Geschlecht bei der Geburt. Ohne Leidensdruck.
- Geschlechtsdysphorie: Dasselbe, aber mit Leidensdruck. Es tut weh.
- Geschlechtsinkongruenz: Das Fachwort in der neuen Leitlinie und in der ICD-11. Die ICD-11 ist die Liste der Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Wort heisst: Das erlebte Geschlecht und der Körper passen nicht zusammen.
Der Artikel nutzt die Wörter genau so.
Woran man es bei Kindern merkt
Ein Mädchen spielt mit Autos. Ein Junge spielt mit Puppen. Das ist meistens nur eine Phase.
Anders ist es, wenn ein Kind ganz sicher ist, im falschen Geschlecht zu stecken.
Der Artikel nennt Beispiele:
- Das Kind wählt einen anderen Vornamen und will nur noch so heissen.
- Es spielt fast nur, was zum anderen Geschlecht gehört.
- Es will die Kleidung und die Frisur des anderen Geschlechts.
- Es lehnt den eigenen Körper ab.
Das kann schon mit 2 bis 3 Jahren anfangen.
Was mit der Zeit passiert
Der Artikel nennt hier drei Gruppen von Kindern:
- Die meisten kommen mit ihrem Körper klar. Später in der Pubertät entdecken viele von ihnen, dass sie homosexuell oder bisexuell sind.
- Wenige kommen ebenfalls klar und sind später heterosexuell.
- Bei den übrigen bleibt das Gefühl. Es wird stärker, wenn der Körper sich verändert.
Wichtig: Laut Artikel haben nur etwa 2 bis 20 von 100 Kindern das Gefühl auch als Jugendliche noch. Das ist eine grosse Spanne. Die neue Leitlinie sagt: Vor der Pubertät lässt sich das bei einem einzelnen Kind nicht vorhersagen.
Wer es als Jugendlicher noch hat, behält es sehr oft auch als Erwachsener.
Die Pubertät
In der Pubertät wird es für viele schwerer.
Der Körper verändert sich. Das passt nicht zum Gefühl.
Manche verstecken ihren Körper. Manche binden die Brust ab. Andere tragen eng sitzende Unterwäsche.
Viele recherchieren im Internet. Sie suchen Gleichgesinnte. Und sie wollen wissen, was möglich ist.
Was belastet
Die Reaktionen sind sehr verschieden. Manche sind offen. Manche sind gleichgültig. Viele lehnen ab. Dann gibt es oft Mobbing oder Gewalt.
Besonders schwer ist es, wenn Familie und Gleichaltrige ablehnen.
Wenn Ablehnung und innere Not zusammenkommen, kann es sehr dunkel werden. Der Artikel nennt ein höheres Risiko für Depressionen, Ängste, Selbstverletzung, Einsamkeit und Suizidgedanken.
Wenn dich das gerade betrifft: Sprich mit jemandem. Hilfe findest du unten.
Was hilft

Laut Artikel mildern drei Dinge den Druck:
- Eltern und Familie, die verstehen und unterstützen.
- Medizinische Schritte, die Körper und Gefühl angleichen.
- Mehr Toleranz in der Gesellschaft.
Für Eltern
Viele Eltern merken, dass etwas anders ist. Aber sie kennen das Thema nicht.
Sie reagieren sehr verschieden:
- Manche denken: „Das geht vorbei.“
- Manche begleiten ihr Kind ruhig.
- Manche zwingen ihr Kind, sich „passend“ zu verhalten. Das kann den Druck erhöhen. So steht es im Artikel.
Der Artikel rät Eltern:
- sich selbst Hilfe holen, wenn sie Angst haben
- sich gut informieren
- sich vernetzen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen
- sich fachlich beraten lassen
- mit Kindergarten und Schule reden
Zur neuen Leitlinie gibt es auch eine Fassung für Betroffene und Familien, die Patientenleitlinie. Herausgegeben hat sie der Bundesverband Trans*: Patientenleitlinie zur Leitlinie (PDF).
Was Kinder allgemein brauchen, habe ich hier aufgeschrieben: Wenn das Geländer fehlt: Regeln, Streit und was Kinder brauchen.
Medizinische Schritte
Der Artikel nennt drei Schritte, nach Alter gestuft:
- Medikamente, die die Pubertät anhalten
- Hormone des anderen Geschlechts
- Operationen
Laut Artikel lässt sich Schritt 1 rückgängig machen. Die Schritte 2 und 3 nicht. Die neue Leitlinie verlangt bei diesen Schritten im Jugendalter eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken.
Der Artikel schreibt: Es gibt Hinweise, dass eine Behandlung nach Leitlinie das Wohlbefinden verbessern kann. Das war der Stand 2020. Wie es heute aussieht, steht weiter unten.
Er schreibt auch: Manche Operierte wünschen sich später eine Rückoperation.
Darum fordert er zwei Dinge: psychotherapeutische Begleitung und mehr Forschung.
Braucht es eine Therapie?
Laut Artikel: Nicht automatisch. Das Gefühl allein ist keine psychische Störung.
Auch die neue Leitlinie von 2025 sagt: Psychotherapie soll angeboten werden. Sie soll aber keine Pflicht sein.
Wenn es aber stark leiden lässt, kann Begleitung helfen. Sie soll nicht werten und ergebnisoffen sein.
Ziele können sein:
- sich im eigenen Erleben wohler fühlen
- besser mit Belastungen umgehen
- die Eltern einbeziehen, damit sie unterstützen können
Was der Deutsche Ethikrat sagt
Der Ethikrat hat im Februar 2020 eine Empfehlung abgegeben. Kurz:
- Jeder Mensch darf nach seiner gefühlten Geschlechtsidentität leben.
- Das Kind muss gehört werden, passend zu Alter und Reife.
- Ohne Zustimmung oder gegen den Willen des Kindes darf nicht behandelt werden.
- Nutzen und Schaden jeder Behandlung müssen einzeln abgewogen werden. Auch das Nichtstun hat Folgen.
- Betroffene und Eltern haben Anspruch auf ausgewogene Beratung.
Was sich seit 2020 geändert hat
Der Artikel aus dem Ärzteblatt ist von 2020. Seitdem ist einiges passiert.
Neue Leitlinie (2025)
Fachgesellschaften aus Medizin und Psychotherapie haben eine neue Leitlinie geschrieben. Eine Leitlinie ist eine Empfehlung für Fachleute. Sie heisst „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“. Federführend war die DGKJP, die Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Darin steht zum Beispiel:
- Vor der Pubertät kann niemand sicher sagen, ob das Gefühl bleibt.
- Eine Diagnose im Kindesalter heisst nicht, dass medizinisch behandelt werden muss.
- Psychotherapie soll leicht erreichbar sein. Sie soll aber keine Pflicht sein, um eine Behandlung zu bekommen.
- Medikamente, die die Pubertät anhalten, frühestens wenn die Pubertät schon begonnen hat. Fachleute sagen: Tanner-Stadium 2. Das ist die erste Stufe der körperlichen Veränderung in der Pubertät.
- Und nur, wenn das Gefühl stabil bleibt und die jugendliche Person darunter leidet. Ein Team aus verschiedenen Fachrichtungen soll beteiligt sein.
- Nutzen und Risiken sollen sorgfältig abgewogen werden. Entscheiden sollen Jugendliche, Eltern und Fachleute gemeinsam.
Die Leitlinie sagt auch: Die Studien zu körperlichen Behandlungen bei Jugendlichen sind noch unsicher. Darum ist sie eine Konsens-Leitlinie. Das heisst: Fachleute haben sich auf Empfehlungen geeinigt.
Nicht alle tragen jeden Punkt mit. Einige Fachgesellschaften und Verbände haben ein Sondervotum geschrieben. Das ist eine eigene, abweichende Stellungnahme zu einzelnen Punkten.
Diese Sondervoten kommen von verschiedenen Seiten. Zum Beispiel von der Fachgesellschaft für Psychiatrie (DGPPN), von der Schweizer Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SGKJPP) und von Verbänden wie dem Bundesverband Trans* und dem Trans-Kinder-Netz. Die DGPPN möchte zum Beispiel eine Aussage streichen, nach der eine Behandlung die Lebensqualität langfristig verbessert.
Ärztetag (2024)
Der Deutsche Ärztetag ist die Versammlung der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Er hat 2024 gefordert: Pubertätsblocker, Hormone und Operationen bei unter 18-Jährigen nur noch in kontrollierten wissenschaftlichen Studien. Mit einem Team aus verschiedenen Fachrichtungen und einer Ethikkommission.
Die Abstimmung war nicht einstimmig: 120 Ja, 47 Nein, 13 Enthaltungen.
Das ist eine Forderung, kein Gesetz.
Was heisst das?
Fachleute sind sich hier nicht in allem einig. Vor allem bei Medikamenten und Operationen.
Darum ist gute, ehrliche Beratung so wichtig. Ausgewogene Beratung hat auch der Ethikrat schon 2020 gefordert.
Meine Erfahrung

Als ich Kind und Jugendlicher war, sprach man nicht darüber. In dieser Zeit war es etwas Seltsames.
Ich kannte das nicht aus den Medien. Heute sieht man es dort als ganz normal.
Mein Traum damals war ein anderer: Ich wollte Paris Hiltons neuer BFF sein, ihr bester Freund.
Weil es das nicht gab, war es für mich kein Thema.
Heute habe ich eine Befürchtung. Ich war damals so jung. Und ich war ein grosser Spice-Girls-Fan.
Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte, wenn es das damals so gegeben hätte. Vielleicht hätte ich mich auch im falschen Körper gefühlt.
Das ist nur meine Vorstellung: Ich glaube, ich würde zu denen gehören, die sich operieren lassen und sich später wieder zurückoperieren lassen möchten.
Heute sehe ich das mit erwachsenen Augen. Das ist meine Meinung:
- Ich finde es gut, dass Menschen mit einer anderen Körperanlage heute mehr Raum haben. Zum Beispiel Menschen mit XXYY oder mit gemischten Anteilen aus XY und XX.
- Ich finde es gut, dass sie selbst über ihr Geschlecht entscheiden dürfen.
- Ich finde es gut, dass sich Menschen, die sich in keinem Geschlecht finden, nonbinär nennen dürfen.
- In manchen Ländern dürfen Eltern nicht mehr allein über geschlechtsangleichende Operationen an intergeschlechtlichen Kindern entscheiden. Nach meiner Recherche sind das zum Beispiel Malta, Deutschland, Spanien und Chile. Meist gibt es Ausnahmen.
- In der Schweiz gibt es dafür bisher kein eigenes Verbot. 2023 hat die Rechtskommission des Ständerats ein Strafverbot einstimmig abgelehnt. Der Bundesrat sagt, das geltende Recht reiche aus. Der Kanton Genf unterstützt ein kantonales Verbot.
Für mich selbst gilt: Ich bin XY. Bei mir funktioniert alles.
Für mich wäre es nichts, etwas zu verändern, das funktioniert.
Das ist meine Entscheidung. Es ist kein Urteil über andere.
Victoria, Sarah und die Frage von heute
Ich war Victoria. Ich war Sarah. Davon habe ich in „Victoria, Brian, Sarah – und dann war klar: Ich bin schwul“ erzählt.
Ich wollte sein wie Victoria von den Spice Girls.
Ob ich mich damals anders gefühlt hätte, wenn es diese Normalität gegeben hätte?
Keine Ahnung.
Ich weiss nur: Damals war es kein Thema. Und ich war glücklich, wenn ich tanzen konnte.
Hilfe und Infos
Wenn es dir gerade nicht gut geht, sprich mit jemandem. Die Beratung ist bei allen Nummern kostenlos. Je nach Telefonanbieter können kleine Gebühren anfallen.
- Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Für Kinder und Jugendliche: Nummer gegen Kummer 116 111 (Montag bis Samstag, 14 bis 20 Uhr).
- Österreich: Telefonseelsorge 142. Für Kinder und Jugendliche: Rat auf Draht 147.
- Schweiz: Die Dargebotene Hand 143. Für Kinder und Jugendliche: Pro Juventute 147.
- Akute Gefahr: 112 (Deutschland), 144 (Österreich und Schweiz).
Der Ärzteblatt-Artikel nennt diese Vereinigungen:
Quellen
Marion Sonnenmoser: Transidentität bei Kindern und Jugendlichen. Im falschen Körper geboren. Deutsches Ärzteblatt PP, Ausgabe 9/2020. aerzteblatt.de
Darin zitiert: Sabine Maur und Konstantin Shahshahani (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Mainz), Dr. Bernd Meyenburg (Universitätsklinikum Frankfurt), Deutscher Ethikrat.
Leitlinie: Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung. S2k-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 028-014, 2025. Federführend: DGKJP. Kurzfassung (AWMF) · Langfassung (AWMF)
Deutscher Ethikrat: Trans-Identität bei Kindern und Jugendlichen: Therapeutische Kontroversen – ethische Orientierungen. Ad-hoc-Empfehlung, 20.02.2020. Pressemitteilung
128. Deutscher Ärztetag 2024: Behandlung einer Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen (Drucksache Ic-48). baek.de
Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11 offiziell in Kraft, 11.02.2022. who.int
Quellen geprüft am 12.10.2026.
Meine Geschichte dazu: Victoria, Brian, Sarah – und dann war klar: Ich bin schwul

