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ADHS und Sucht: Was Fachleute sagen, auch bei Teenagern

12. Oktober 2026
Teddy sitzt zusammengesunken in einem Sessel in einem dunklen Zimmer, um ihn herum aufgerissene Zuckersäcke und verschütteter Zucker.

Fachartikel mit Quellen. Kurze Sätze, kurze Absätze. Meine Erfahrung steht getrennt am Ende.

Hinweis: Das ist ein Fachartikel. Er fasst zusammen, was Fachleute zu ADHS und Sucht sagen. Es ist keine Beratung und keine Therapie. Es geht um Sucht. Wenn dich das belastet, lies es vielleicht nicht allein. Hilfe findest du ganz unten.

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Das Wichtigste

  • Eine grosse Auswertung schätzt: 21 Prozent der Menschen mit einer Suchterkrankung haben auch ADHS. Gemeint sind Alkohol und andere Drogen. Das ist etwa jede fünfte Person.
  • Zum Vergleich: In der erwachsenen Allgemeinbevölkerung ist es etwa jede 40. Person.
  • Bei Jugendlichen nennen die Quellen ein erhöhtes Risiko. Die Zahlen schwanken je nach Quelle.
  • In den Texten zu Jugendlichen sind die Zahlen bei Nikotin am höchsten.
  • Warum das so ist, weiss man nicht sicher. Es gibt Erklärungsversuche.
  • Zahlen gelten für Gruppen. Sie sagen nichts über dich.

Wörter kurz erklärt

  • ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Typisch sind Unruhe, springende Gedanken und Impulsivität.
  • Meta-Analyse: Viele Studien werden zusammengefasst. So fliessen mehr Daten ein als bei einer einzelnen Studie.
  • Impulsivität: Spontane Impulse lassen sich schwerer bremsen.
  • Selbstmedikation: Man „behandelt“ sich selbst, hier mit Drogen.
  • Opioide: Starke Schmerzmittel und Drogen wie Heroin.
  • Substanzmissbrauch: Man nimmt Alkohol oder Drogen so, dass es schadet.
  • ACE-Studie: Eine Studie über belastende Kindheitserfahrungen (englisch: Adverse Childhood Experiences).
  • Risiko 2-fach: Die Gruppe hat doppelt so oft das Problem wie die Vergleichsgruppe.

ADHS und Sucht bei Erwachsenen: die Zahlen

Forschende der Universität Bonn haben 31 Studien mit über 12.500 Teilnehmenden ausgewertet. Erstautor ist Henrik Rohner.

Sie fragten: Wie viele Menschen mit einer Suchterkrankung haben auch ADHS?

  • Alle Suchterkrankungen zusammen: 21 Prozent
  • Kokainabhängige: 19 Prozent
  • Opioidabhängige: 18 Prozent
  • Alkoholabhängige: etwa jede vierte Person

In der erwachsenen Allgemeinbevölkerung hat laut drugcom nur „gerade mal jede 40. Person“ ADHS.

Warum hängt das zusammen?

Eine sichere Antwort gibt es nicht. drugcom nennt mehrere Annahmen.

1. Impulsivität. Wer Impulse schlechter bremst, gibt dem Impuls zu konsumieren eher nach.

2. Der Reiz ist stärker. Die Wirkung von Drogen könnte bei ADHS reizvoller sein.

3. Selbstbehandlung. Drogen können ADHS-Symptome eine Weile verringern. Auf Dauer können sie die Symptome eher verstärken.

Die Autorinnen und Autoren sagen: Es ist hilfreich zu wissen, ob jemand ADHS hat. Möglicherweise liesse sich manche Abhängigkeit verhindern, wenn ADHS früh entdeckt wird. Das ist eine Vermutung, kein Beweis.

ADHS und Sucht bei Teenagern

Die Bonner Studie untersucht Erwachsene. Für Jugendliche gibt es drei Texte zur Sucht und drei Arbeiten zum Umfeld (Schule, Pubertät):

  • C. Möller: Sucht und ADHS im Jugendalter. Fachzeitschrift Suchttherapie (Thieme). Ein älterer Text. Das genaue Erscheinungsjahr konnte ich nicht sicher prüfen.
  • Christina Stadler: Interview in der Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie, 2/2013. Sie ist Professorin an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universität Basel.
  • Deutsches Ärzteblatt, 22.08.2014: Meldung mit Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Keiner davon ist eine Originalstudie. Es sind gute Hinweise, aber keine neuen Messwerte.

Die Zahlen im Vergleich

Quelle Was genannt wird
Möller Bei etwa einem Drittel der Jugendlichen mit ADHS gibt es Anzeichen von Drogenmissbrauch. Das Risiko für eine Suchtstörung ist 2- bis 3-fach erhöht.
Stadler Kinder mit ADHS: Substanzmissbrauch 1,5-fach. Nikotinabhängigkeit: 3-fach.
BVKJ (Ärzteblatt) Nikotin: 3-fach. Alkohol: 2-fach. Kokain: 2-fach.

Die Quellen sind sich nicht ganz einig. Bei Kokain schreibt Möller, es werde „nicht ungleich häufiger“ konsumiert. Darum sind das Spannbreiten und keine feste Wahrheit.

Warum gerade im Jugendalter?

Die Anforderungen in Schule und Ausbildung steigen. Die festen Strukturen aus der Kindheit fallen oft weg. Das ist für Jugendliche mit ADHS besonders schwer (Stadler).

Möller beschreibt auch, wie es im Alltag laufen kann:

  • Kinder und Jugendliche mit ADHS erfüllen die Erwartungen ihrer Umwelt oft nicht.
  • Es kommt zu Abwertung und Ausgrenzung.
  • Das führt zu Frust und wenig Selbstwert.
  • In der Gruppe der Konsumierenden finden manche Akzeptanz.
  • Cannabis kann Unruhe, Angst und Niedergeschlagenheit zeitweise dämpfen. Das wirkt wie ein Selbstheilungsversuch, aber nur vorübergehend.

Nikotin als Einstieg?

Stadler nennt eine Studie von Biederman und anderen (2012). Jugendliche mit ADHS, die rauchen, haben verglichen mit Jugendlichen mit ADHS, die nicht rauchen:

  • ein 5-fach erhöhtes Risiko für Alkoholabhängigkeit
  • ein 9-fach höheres Risiko für Drogenabhängigkeit

Nikotin wirkt anregend. Stadler vermutet: Bei ADHS kann es besonders stark wirken, wie eine Art Selbstbehandlung. Das ist eine Annahme, kein Beweis.

Eine Belastung, die nichts mit ADHS zu tun hat

Möller verweist auf die ACE-Studie (Felitti 2003). Dort war der Konsum von Nikotin, Alkohol und Drogen umso höher, je mehr belastende Kindheitserfahrungen jemand hatte. Das gilt unabhängig von ADHS. Mehr dazu: Wenn das Geländer fehlt.

Weitere Hinweise

  • Substanzmissbrauch kann ADHS überdecken. Dann wird sie übersehen (Stadler).
  • Eltern sollten bei Anzeichen von Suchtverhalten wachsam sein (BVKJ).

Schule und Pubertät: das Umfeld

Drei weitere Arbeiten handeln nicht von Sucht. Sie zeigen aber, unter welchem Druck viele Jugendliche mit ADHS stehen.

Schule. Eine schwedische Studie (Jangmo et al. 2019) hat 657.720 Jugendliche am Ende der neunten Klasse untersucht.

37,6 % der Jugendlichen mit ADHS erreichten die Zulassung zur weiterführenden Schule nicht. Ohne ADHS waren es 10,7 %. Das gilt auch, wenn man den sozialen Hintergrund der Familie herausrechnet. Die Studie sagt nichts über Sucht.

Noch eine Schulstudie. Eine kanadische Studie aus New Brunswick (Folkins et al. 2026) hat Schulakten vom Kindergarten bis Klasse 12 ausgewertet. Bei ADHS gab es mehr Fehltage und seltener einen Schulabschluss im ersten Anlauf. Das passt zu Jangmo. Die Studie wurde unter anderem von der Pharmafirma Takeda Canada bezahlt. Über Sucht sagt sie nichts.

Pubertät. Eine Masterarbeit aus der Schweiz (Cadosch & Decurtins 2017) beschreibt die Pubertät bei ADHS als „Superpubertät“. Der Begriff stammt aus einer Quelle (Kaenel), die dort zitiert wird.

Die Unruhe wandert nach innen. Langeweile und der Wunsch nach Abwechslung können zu hoher Risikobereitschaft führen, zum Beispiel im Strassenverkehr oder beim Substanzmissbrauch. Das ist eine Beschreibung, keine Messung.

Wichtig: Alle drei sind keine Belege dafür, dass Schulprobleme zu Sucht führen. Sie zeigen nur, dass der Druck in dieser Zeit hoch sein kann.

Was diese Zahlen nicht sagen

Nicht jeder Teenager mit ADHS wird süchtig. Das sind Zahlen für Gruppen. Sie sagen nichts über dich.

Medikamente sind hier bewusst kein Thema. Das ist Sache von Ärztinnen und Ärzten. Die beiden Schulstudien untersuchen auch Medikamente. Diesen Teil lasse ich hier bewusst weg.

Die Originalstudien hinter den Texten (zum Beispiel Biederman 2012) sind hier nicht ausgewertet.

Meine Erfahrung

Chibi-Luka sitzt entspannt mit Kopfhörern vor dem Kamin, hält einen grünen Igelball und Knete in den Händen und lächelt mit geschlossenen Augen.

Ich hatte mit sechzehn meinen ersten Kokainentzug.

Heute bin ich vierzig und habe gelernt, Frieden mit mir selbst zu schliessen. Ich bin nicht perfekt. Aber ich habe gelernt, mich selbst zu akzeptieren – mit meiner ganzen Geschichte.

Und seit ich nicht mehr ständig gegen mich selbst kämpfe, habe ich vieles besser im Griff. Doch bis dahin stand ich mir oft selbst im Weg.

Ich habe ADHS.

Dieser Artikel erklärt mir nicht meine Geschichte. Er sagt nur: Ich bin mit dieser Kombination nicht allein.

Hilfe und Infos

Wenn es dir gerade nicht gut geht, sprich mit jemandem. Die Beratung ist kostenlos. Je nach Telefonanbieter können kleine Gebühren anfallen.

  • Akute Gefahr: 112 (Deutschland), 144 (Österreich und Schweiz).
  • Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 116 123. Für Kinder und Jugendliche: Nummer gegen Kummer 116 111 (Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr).
  • Österreich: Telefonseelsorge 142. Für Kinder und Jugendliche: Rat auf Draht 147.
  • Schweiz: Die Dargebotene Hand 143. Für Kinder und Jugendliche: Pro Juventute 147.

Quellen

Erwachsene

  • drugcom.de: Drogenabhängige vergleichsweise oft von ADHS betroffen. 01.03.2023. drugcom.de
  • Rohner, H., Gaspar, N., Philipsen, A., & Schulze, M. (2023). Prevalence of Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) among Substance Use Disorder (SUD) Populations: Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(2), 1275. doi.org/10.3390/ijerph20021275 (Original nicht gelesen, Angaben aus drugcom.)

Jugendliche

  • Stadler, C. (2013). ADHS und komorbide Störungen bei Jugendlichen. Interview (Fragen: Annegret Czernotta). Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 2/2013. rosenfluh.ch
  • Möller, C. Sucht und ADHS im Jugendalter. Suchttherapie (Thieme). thieme-connect.com
  • Felitti, V. J. (2003). Ursprünge des Suchtverhaltens: Evidenzen aus einer Studie zu belastenden Kindheitserfahrungen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 52(8), 547–559. (zitiert nach Möller)
  • Jangmo, A., et al. (2019). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, School Performance and Effect of Medication. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 58(4), 423 bis 432. doi.org/10.1016/j.jaac.2018.11.014 (nur Teile gelesen)
  • Folkins, C., Somayaji, C., Gill, S. K., & McDonald, J. T. (2026). Academic Outcomes in Primary and Secondary School Students Prescribed Long-Acting Stimulants for ADHD Management. Journal of Attention Disorders, 30(4), 493–505. doi.org/10.1177/10870547251378169 (gefördert u. a. von Takeda Canada; nur Teile gelesen)
  • Cadosch, R., & Decurtins, A. (2017). Auszubildende mit ADHS – Nein danke? Masterarbeit (MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung), ZHAW, 26.12.2017 (nur Teile gelesen).
  • ADHS-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen. Deutsches Ärzteblatt, 22.08.2014 (Angaben des BVKJ).

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