
Coming-out, erste Zigarette und der Weg in die Betäubung
Hinweis: In diesem Beitrag geht es um Sexualität in meiner Jugend, Zwänge, Alkohol, Drogenkonsum und einen Entzug in der Psychiatrie. Hilfe findest du am Ende des Beitrags.
Mit 13 begann eine neue Zeit in meinem Leben. Ich hatte mein Coming-out als bisexuell. Gleichzeitig rauchte ich meine erste Zigarette. Mit 14 kamen Alkohol und Cannabis dazu. Mit 15 schliesslich Kokain.
Heute wirkt diese Entwicklung erschreckend klar. Damals fühlte sie sich nicht wie ein gerader Weg an. Es waren einzelne Tage, Gefühle, Entscheidungen und Grenzen, die sich langsam verschoben.
Ich suchte Freiheit, Anerkennung und vor allem einen Weg, mit all den Gefühlen in mir klarzukommen.
Mit 13: Mein Coming-out als bisexuell
Mit 13 begann ich zu verstehen, dass ich mich nicht nur zu Mädchen, sondern auch zu Jungen hingezogen fühlte.
Damals sagte ich:
Ich bin bisexuell.
Bi war für mich ein Zwischenschritt. Nach meiner ersten Erfahrung mit einem Mädel war mir klar: Ich bin schwul. Das Feuerwerk war nicht da.
Damals war es viel schwieriger, diese Worte auszusprechen. Ich war selbst noch ein Kind und versuchte herauszufinden, wer ich eigentlich war.
Ein Teil von mir wollte ehrlich sein. Ein anderer hätte sich am liebsten versteckt. Ich hatte mich all die Jahre ständig gefragt, ob ich richtig und normal sei. Jetzt kam eine neue Angst dazu:
Was passiert, wenn die anderen erfahren, wen ich liebe?
Schon als Kind
Verliebt habe ich mich schon als Kind.
Zuerst in Aladdin, der mich mit dem fliegenden Teppich holt. Dann in Brian von den Backstreet Boys.
Verliebt habe ich mich immer in männliche Figuren.
Sein wollte ich dagegen immer wie Victoria. Ganz klar. Später wie Christina Aguilera.
Die Hoffnung auf Liebe
Ich sehnte mich nach Nähe und Liebe. Egal, wo ich war, hoffte ein Teil von mir: Vielleicht begegnet mir hier jemand. Jemand, der mich wirklich sieht und sich in mich verliebt.
Diese Hoffnung war schön, aber sie machte mich verletzlich. Eigentlich suchte ich nicht nur eine Beziehung. Ich suchte Bestätigung.
Ich bin richtig. Ich bin liebenswert. Ich darf so sein, wie ich bin.
Doch genau das konnte ich mir damals selbst noch nicht geben. Ich wollte von jemand anderem angenommen werden, während ich mich selbst kaum annehmen konnte.
Gefühle ohne Lautstärkeregelung

Meine Gefühle hatten keine mittlere Lautstärke. Wenn ich glücklich war, war alles riesig und voller Energie. Wenn ich traurig oder wütend war, fiel ich tief. Wenn ich Angst hatte, übernahm sie meinen ganzen Körper.
Ich wusste nicht, wie ich diesen inneren Sturm beruhigen sollte. Niemand hatte mir erklärt, wie man mit so intensiven Gefühlen umgeht. Also suchte ich selbst nach Möglichkeiten – nicht bewusst und nicht mit einem Plan, sondern von einem Moment zum nächsten.
Wie meine Zwänge anfingen
Schon vor den Substanzen gab es meine Zwänge.
Ich vermute, sie sind gekommen, weil ich in der Schule zu schlecht war. Das ist meine eigene Vermutung, sicher weiss ich es nicht. Irgendwo wollte ich einfach gut sein.
Mein Zimmer war immer aufgeräumt. Dafür wurde ich gelobt: Mein Zimmer sei sehr ordentlich.
Damit hat es eigentlich angefangen. Ich begann zu zählen. Immer bis zehn.
Weil wir damals Französisch hatten, zählte ich auf Französisch. So lernte ich die Zahlen:
un, deux, trois, quatre, cinq, six, sept, huit, neuf, dix.
Später wurde es richtig weird. Ich zählte dreimal bis zehn. Auch auf Französisch.
Die erste Zigarette
Mit 13 rauchte ich meine erste Zigarette. Es ging nicht nur um den Geschmack. Sie wirkte erwachsen, verboten und frei zugleich. Für einen Moment gehörte ich irgendwo dazu und konnte so tun, als hätte ich alles im Griff.
Vielleicht war sie auch eine kleine Pause von mir selbst: einatmen, ausatmen, kurz etwas anderes spüren.
Damals dachte ich nicht, dass eine Entwicklung begann. Ich lebte einfach von einem Moment zum nächsten.
Mit 14: Alkohol und Cannabis
Mit 14 kam Alkohol dazu. Die Unsicherheit wurde leiser, die Angst vor den Gedanken anderer verlor an Kraft und ich fühlte mich mutiger.
Doch diese Freiheit hielt nicht lange. Alkohol löste nichts. Er legte nur für einige Stunden eine Decke über die Gefühle. Wenn die Wirkung nachliess, war alles wieder da – manchmal noch stärker.
Im gleichen Alter kam Cannabis dazu. Ich suchte Ruhe. Ich wollte, dass es in meinem Kopf endlich einmal stiller wurde.
Diese künstliche Ruhe war verlockend. Aber sie half mir nicht, meine Gefühle zu verstehen oder mich selbst zu beruhigen. Sie verschob alles nur auf später. Mit jedem Mal wurde es normaler, etwas zu nehmen, wenn ich mich selbst nicht aushielt.
Die Grenzen verschoben sich
Am Anfang gibt es klare Grenzen: Das würde ich niemals machen.
Dann probiert man etwas aus und merkt: Ich habe es überlebt. Die Grenze verschiebt sich. Beim nächsten Mal fühlt es sich weniger gefährlich an.
So war es bei mir. Das geschah nicht von heute auf morgen. Ich war jung, neugierig und voller Gefühle, für die ich keine Anleitung hatte. Gleichzeitig wollte ich dazugehören und stark wirken.
Nach aussen spielte ich den Mutigen. Innerlich suchte ich Halt.
Mit 15: Kokain
Mit 15 kam Kokain.
Wahnsinn. Ich war erst 15 Jahre alt.
Kokain fühlte sich anders an als alles davor. Plötzlich waren da Energie, Selbstbewusstsein und Kraft. Zweifel schienen zu verschwinden. Für kurze Zeit fühlte ich mich nicht klein, nicht dumm und nicht unsicher.
Vielleicht war genau das so gefährlich. Die Droge gab mir das Gefühl, der Mensch zu sein, der ich gerne gewesen wäre. Selbstsicher, wach, mutig und unverwundbar.
Aber dieses Gefühl gehörte nicht wirklich mir. Es war geliehen. Und für alles, was eine Droge kurzfristig leiht, verlangt sie irgendwann einen hohen Preis zurück.
Vom Ausprobieren zum Brauchen
Zwischen Ausprobieren und Brauchen liegt manchmal weniger Abstand, als man glaubt.
Am Anfang denkt man: Ich entscheide selbst. Dann denkt man an die nächste Gelegenheit und erinnert sich daran, wie ruhig, mutig oder stark man sich gefühlt hat.
Irgendwann nimmt man eine Substanz nicht mehr nur, um sich besonders gut zu fühlen. Man nimmt sie, um sich nicht mehr so schlecht zu fühlen.
Dann verändert sich alles: Die Droge wird von einer scheinbaren Lösung zu einem neuen Problem.
Ich wollte nicht kaputtgehen
Ich glaube nicht, dass ich damals bewusst mein Leben zerstören wollte. Ich wollte nicht kaputtgehen. Ich wollte mich besser fühlen.
Ich wollte Ruhe, Liebe, Anerkennung und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Die Substanzen boten schnelle Antworten auf Fragen, die eigentlich Zeit und Unterstützung gebraucht hätten:
- Wie kann ich mich selbst annehmen?
- Wie gehe ich mit meiner Bisexualität um?
- Wie beruhige ich meine Gedanken und Gefühle?
- Wie kann ich mich wertvoll fühlen, ohne dass jemand anderes es mir beweisen muss?
Auf diese Fragen hatte ich keine Antworten. Aber ich wusste inzwischen, dass eine Substanz meine Gefühle kurzfristig verändern konnte. Genau das machte sie so gefährlich.
Der Klassenclown wurde älter
In der Schule hatte mich der Klassenclown geschützt. Als Teenager reichte diese Rüstung nicht mehr aus.
Ein Witz konnte andere ablenken, aber nicht den Lärm in meinem Kopf ausschalten. Also kamen neue Rüstungen dazu: Zigaretten, Alkohol, Cannabis und Kokain.
Jede versprach etwas anderes – Erwachsensein, Freiheit, Ruhe, Mut oder Selbstbewusstsein. Doch unter all diesen Schichten war noch immer derselbe Junge. Er wollte dazugehören und sehnte sich nach Liebe. Er hatte Angst, nicht richtig zu sein.
Heute sehe ich die Warnzeichen
Heute kann ich die Entwicklung erkennen: Mit 13 mein Coming-out und die erste Zigarette. Mit 14 Alkohol und Cannabis. Mit 15 Kokain.
Damals sah ich keine klare Linie. Heute sehe ich ein Kind, das immer stärkere Mittel benutzte, um immer stärkere Gefühle auszuhalten.
Das entschuldigt nicht alles, was später geschah. Aber es hilft mir, den Jungen von damals zu verstehen.
Ich war nicht einfach schwierig, wild oder verloren. Ich hatte Gefühle ohne Lautstärkeregelung und suchte verzweifelt nach einem Schalter.
Der Weg zum ersten Entzug

Mit 15 war Kokain in meinem Leben angekommen. Schon ein Jahr später konnte niemand mehr so tun, als wäre alles nur eine wilde Phase.
Mit 16 kam ich zum ersten Mal auf eine psychiatrische Station und machte meinen ersten Kokainentzug. Ich war noch minderjährig. Trotzdem landete ich auf einer Station für Erwachsene, weil in der Jugendpsychiatrie in Bern kein Platz frei war.
Von meinem Pippi-Langstrumpf-Planeten bis dorthin war es ein langer Weg. Und gleichzeitig ging alles wahnsinnig schnell.
Mit 13 suchte ich nach meiner Identität. Mit 14 suchte ich Ruhe. Mit 15 suchte ich Stärke. Mit 16 musste ich lernen, was diese Suche aus meinem Leben gemacht hatte.
Fachwissen zu dieser Folge: Zu ADHS und Sucht gibt es einen Fachartikel mit Quellen: ADHS und Sucht: Was Fachleute sagen, auch bei Teenagern. Das ist Fachwissen, keine Beratung und keine Therapie.
Wenn du Hilfe brauchst
Wenn dich dieser Text belastet oder du selbst mit Alkohol, Drogen oder Sucht kämpfst, kannst du dir Hilfe holen:
- Notfall: 144 (Schweiz und Österreich), 112 (Deutschland)
- Schweiz, für junge Menschen: Pro Juventute 147, rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich
- Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, auch Chat und Mail. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieter können kleine Gebühren anfallen.
- Schweiz, Suchtfragen: SafeZone.ch, Online-Beratung, kostenlos und anonym
- Deutschland: Nummer gegen Kummer 116 111 (Kinder und Jugendliche), Telefonseelsorge 0800 111 0 111
- Österreich: Rat auf Draht 147 (Kinder und Jugendliche), Telefonseelsorge 142
Meine Geschichte – Folge 5
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