
Pausenhof und Klassenzimmer – zwei Welten unter einem Dach
Wenn ich heute an meine Schulzeit zurückdenke, denke ich manchmal nur: Wahnsinn. Die Schule war für mich kein Ort zum Lernen. Sie war ein Ort, an dem ich versuchte, mich unsichtbar zu machen – oder genau das Gegenteil zu tun.
Doch es gab zwei völlig unterschiedliche Orte in diesem Schulhaus. Der eine war ein Gefängnis. Der andere war meine Rettung.
Das Klassenzimmer – der Ort, wo ich verschwinden wollte
Im Klassenzimmer sass ich vor Blättern, die mir nicht gehorchten. Zahlen, die Sinn ergeben sollten, aber nicht. Sätze vorlesen, die mich blossstellten.
Besonders Deutsch war ein Kampf. Vorlesen? Ich sag’s dir ehrlich: Das war die reinste Folter. Jedes Mal, wenn die Lehrperson ihren Blick durch die Klasse schweifen liess, dachte ich:
Bitte nicht ich. Bitte nicht ich.
Meine Mutter machte Nachhilfe mit mir. Sie nahm Äpfel und Bananen und erfand Geschichten dazu, um mit mir zu lernen: Wenn Frau Meier so und so viel kauft… Ich sass da und dachte: Ich will gar nicht, dass Frau Meier was kauft! Meine Nerven, das hat mich so angeschnörkelt. Ich wollte das einfach nicht, diese Nachhilfe mit Äpfeln, Bananen und ihren Geschichten.
Ich wartete immer darauf, dass mein jüngerer Bruder etwas wollte und meine Mutter etwas für ihn machte. In diesem Moment schlich ich mich raus auf den Spielplatz. Aber sie hat mich immer wieder zurückgeholt.
Also machte ich Blödsinn. Viel Blödsinn.
Der Klassenclown
Je mehr ich störte, desto weniger sah jemand, dass ich nicht mitgekommen bin. Der Klassenclown – das war meine Rüstung.
Mit neun Jahren kam ich zum Schulpsychiater. Die Schule hatte ihm in einem Bericht schon gemeldet, wie ich mich im Unterricht verhielt.
Ich musste viele Bögen ausfüllen. Er begleitete mich Schritt für Schritt: mit einem Rechtschreibtest, einem Lesetest und einem Denktest. Beim logischen und beim figuralen Denken war ich überdurchschnittlich. Da war ich immer sehr stark, auch bei späteren IQ-Tests. Er prüfte auch meine Sinneswahrnehmung und meine Sprache.
Danach bekam ich die Diagnose Legasthenie. Und er sagte etwas über meine Rolle als Klassenclown, das hängen blieb: Ein Clown bringt alle zum Lachen. Aber wenn ein Clown allein ist, dann ist er traurig.
Was Studien zu Legasthenie, ADHS und logischem Denken zeigen, steht im Fachartikel: Legasthenie, ADHS und logisches Denken: Was ist belegt?
Die Zeichnung und das Tintengefäss
Dann kam dieser eine Moment, der sich bei mir festsetzte.
Eine Aushilfslehrerin gab uns eine Aufgabe: Mit Tinte zeichnen. Ich gab mir wirklich Mühe. Ich wollte, dass meine Zeichnung schön wird. Mir war das wichtig.
Und dann sagte sie: „Ach, Luka, gib dir mehr Mühe. Das ist nicht schön.“
Meine Nerven. Ich hatte mir Mühe gegeben. Voll.
Ich war voll enttäuscht. Ich war voll traurig. Ich hatte mir so viel Mühe gegeben, und ich dachte wirklich, meine Zeichnung wäre schön.
Die Lehrerin sass selber schon stundenlang an ihrer eigenen Zeichnung. Und die war wirklich fast wie ein Kunstwerk. Voll mit Bäumen, mit Blättern, mit einem Fluss, alles im Detail. Sie war voll dabei und hatte richtig Freude daran.
Und mir sagt sie, meine Zeichnung sei nicht schön. Dabei ist Kunst ja relativ. Wenn du eine Botschaft dahinter hast, ist alles Kunst.
Was dahintersteckte? Das Gefühl: Selbst wenn ich alles gebe, reicht es nicht. Und die Wut darüber, dass niemand sah, wie sehr es mir wehtat.
Aus dem Fenster schauen, den Vögeln zusehen

Im Klassenzimmer starrte ich oft aus dem Fenster. Die Vögel – die waren frei. Die flogen einfach weg. Sie brauchten keine Schulnoten, keine Rechengeschichten über Frau Meier, keine Aushilfslehrerinnen, die ihnen sagten, ihre Zeichnung sei nicht schön.
Ich war eigentlich kaum im Klassenzimmer. Sobald ich es betrat, dachte ich schon an die Pause. Wahnsinn.
Der Pausenhof – hier war ich lebendig
Der Pausenhof war anders.
Nach der Zeichnung ging ich in die Pause. Und ich hatte einen Plan. Man kann sich das so vorstellen: Es gab einen kleinen Sportplatz mit Basketballkörben. Man konnte dort auch Fussball spielen. Daneben standen Kunstturngeräte, Stangen und so.
Vorne war ein riesiger Fussballplatz. Auf der Seite war ein Spielplatz. Und drumherum war noch ein Teich. Es war riesig. Wir hatten sehr, sehr viel Auslauf.

Und ich habe das schlau gemacht. Ich ging zu der einen Gruppe: Ich gehe kurz zu ihr. Dann zur nächsten: Ich gehe mal zu euch. Und irgendwo dazwischen bin ich einfach ins Schulhaus gegangen, ins Klassenzimmer, und habe der Lehrerin die Tinte über ihr Blatt geschüttet.
Ich musste schnell sein. Ich musste darauf achten, dass mich niemand sieht, vor allem auch niemand, der gerade kurz auf der Toilette war. Mich hat niemand gesehen.
Dann kam ich wieder raus. Weil ich ja die ganze Zeit in der Runde unterwegs war, haben meine Kameraden gar nichts mitgekriegt.
Die Detektivgruppe
Mein Kollege und ich waren diejenigen, die den Unfug machten, mal er, mal ich. Und wir waren immer die Gründer der Detektivgruppe und haben sie auch geführt. So lenkten wir den Verdacht einfach auf die anderen.
Auch diesmal war ich wegen meinem Alibi natürlich als Verdächtiger ausgeschlossen. Die anderen sagten: Nein, der war ja draussen. Der kam ja zu mir, und dann kam er zu dir.
Und dann gab es noch diese einzelnen Tage, zweimal, dreimal im Jahr – Zeitungssammeln. Mega. Einfach nur Zeitungssammeln. Das war eigentlich nicht in der Schule, sondern im Quartier. Aber es fühlte sich an wie Pausenhof. Die Zeitungen brachten wir am Ende zur Schule.
An diesen Tagen war die ganze Schule draussen unterwegs. Nicht in Klassen aufgeteilt, sondern wild durcheinander.
Der eine war von der zweiten Klasse, der andere von der fünften. Wir liefen durchs Quartier. Wir sammelten Zeitungen, besuchten das Hotel, bekamen im Bäcker Nüni angeboten. Wir trafen Menschen, die mitmachten, Menschen aus unserem Dorf.
Wir waren mit dem ganzen Quartier zusammen.
Ach, das war super. Das war die Schule, wie ich sie liebte. Nicht drinnen mit Arbeitsblättern. Sondern draussen, mit echter Gemeinschaft, mit echten Menschen.
An diesen Tagen war ich nicht der Junge, der nicht lesen konnte. Ich war einfach einer von vielen, die zusammen etwas machten.
Französisch – die unerwartete Erleichterung
Deutsch war mein Horrorfach. Aber Französisch? Überraschenderweise machte mir Französisch weniger Mühe. Und weisst du, warum? Weil wir am Anfang alle Anfänger waren. Wir waren alle schlecht. Wenn ich beim Vorlesen nicht flüssig war, war es normal – die anderen waren es auch.
Keine Scham. Wir waren alle gleich schlecht.
Leider änderte sich das nach einer Zeit auch. Das war schrecklich.
Grüfnisch – die Geheimsprache, die ich nie knackte
Auf dem Pausenhof gab es aber auch etwas, das mich fast durchdrehen liess: Grüfnisch.
Eine Geheimsprache, die gefühlt alle konnten ausser mir. Klabla tüsch, blabla flütsch, fine fett, fine fat, fine fort, fana fat – um mich herum redeten sie in diesem Kauderwelsch, lachten, verstanden sich. Und ich stand daneben und verstand rein gar nichts.
Ich habe mich so aufgeregt, ich bin fast durchgedreht. Nicht nur, weil ich die Sprache nicht draufhatte. Sondern weil sie mir zeigte, dass es einen Code gab. Zu diesem Code hatte ich keinen Zugang. Alle drin, ich draussen.
Der Pausenhof war meine Rettung vor dem Klassenzimmer. Aber auch dort gab es Momente, in denen ich merkte: Dazugehören ist nicht garantiert, nur weil man draussen steht.
Zwei Welten, eine Schule
Die Schule war für mich zwei völlig verschiedene Orte:
Im Klassenzimmer war ich gefangen. Ich floh nach innen – zu den Vögeln am Fenster, zu Witzen und Blödsinn, zu meiner Maske als Klassenclown.
Auf dem Pausenhof, beim Zeitungssammeln, beim einfach Zusammensein mit Menschen aus meinem Quartier – da war ich frei. Da war ich nicht falsch. Da gehörte ich dazu.
Die Schule lehrte mich nicht zu lesen und zu rechnen. Die Schule lehrte mich, wo mein Platz war – und wo nicht.
Schon der Test hatte es gezeigt: Ich konnte durchaus denken. Ich erfand Geschichten. Ich sah Bilder, die andere nicht sahen. Meine Hände und mein Körper verstanden, was Wörter mir nicht beibringen konnten.
Aber in diesen Jahren in der Schule? Da war der Pausenhof meine einzige Hoffnung. Dort konnte ich atmen. Dort war ich Luka – nicht der Junge mit den Schwächen.
Und wenn ich heute daran zurückdenke: Wahnsinn, was so ein Pausenhof für ein Kind bedeuten kann.
Fachwissen zu dieser Folge: Was Studien zu Legasthenie, ADHS und logischem Denken zeigen, steht hier: Legasthenie, ADHS und logisches Denken: Was ist belegt?
Meine Geschichte – Folge 2
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