
Eine Kindheit voller Freiheit, Tiere, Filmcrews, Chaos – und einer Tanne, die für mich manchmal der sicherste Ort der Welt war.
Hinweis: Die Namen von Privatpersonen sind von mir geändert.
Eine Kindheit ohne Geländer
Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, denke ich manchmal nur:
Wahnsinn. Ich sag’s dir ehrlich – Wahnsinn.
Ich bin nicht einfach irgendwo aufgewachsen. Für mich war unser Zuhause ein eigener kleiner Planet. Das Hotel, das Chalet, der Garten, der Hügel, die Tiere. Und ständig Menschen aus aller Welt.
Es war mein Pippi-Langstrumpf-Paradies. Viel Freiheit, viel Fantasie, wenig Langeweile – und manchmal ehrlich gesagt auch ziemlich wenig Geländer.
Im Hotel war ausserdem etwas ganz Besonderes: Menschen, die dort arbeiteten, waren nach einer Zeit nicht einfach nur Mitarbeiter. Egal ob Küche, Service oder irgendeine andere Aufgabe – viele gehörten für uns irgendwann wie zur Familie.
„Danke für die Eier!“
Tiere gehörten einfach zu unserem Alltag. Wir hatten immer Katzen, oft zwei bis vier, und auch Hunde. Bei uns war es völlig normal, dass eine Katze oder ein Hund mit aufs Bett kam.
Und wir hatten ungefähr zehn Hühner und einen Hahn in einem eigenen Gehege mit kleinem Stall.
Einen Teil dieses Stalls konnte man von aussen wie ein Tor öffnen. So konnte man sauber machen und natürlich die Eier holen. Und genau das fand ich als Kind jedes Mal aufregend.
Klappe auf – und da sassen vielleicht noch ein, zwei, drei Hühner drin. Gack-ack-ack! Und dann diese Blicke! Wie sie den Kopf schräg halten und dich anschauen, als wollten sie wissen, was du da schon wieder machst.
Ich nahm die Eier und sagte: „Danke für die Eier!“
Ach, das war super. So eine kleine Erinnerung – aber genau aus solchen Kleinigkeiten bestand für mich dieses Paradies. Sonntags wurde gemeinsam gebruncht. Familie, Tiere, Essen, draussen sein. Das war meine Welt.
Wenn Bollywood bei uns einzog

Und dann gab es Zeiten, da wurde unser sowieso schon lebendiges Hotel noch einmal zu einer komplett anderen Welt: Bollywood war da.
Wenn die Filmcrew rund um Yash Chopra kam, waren das nicht ein paar Leute mit einer Kamera. Nein. Da kamen Schauspieler, Technik, Licht, Ton, Organisation – und eine riesige Küchenmannschaft. Teilweise waren allein für die Küche fast zwanzig Menschen dabei.
Ich sag’s dir: Das ganze Hotel hatte plötzlich eine andere Energie.
Ein ganzer Bereich war von der Crew belegt. Leute gingen zum Drehen los. Später kamen sie wieder zurück. Gleichzeitig mussten Frühstück, Mittag- und Abendessen für die Crew bereitstehen. Für mich als Kind war das einfach HAMMA.
Klebereis und Mutproben
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Essen. Vieles war richtig scharf. Für uns Kinder gab es deshalb immer wieder unseren geliebten „Klebereis“ – so nannten wir ihn, weil man den Reis zu kleinen Bällen formen konnte.
Und natürlich wurden aus den scharfen Gerichten sofort Mutproben. Die Leute aus der Küche fanden das lustig: „Try, try!“ Und wir: „No, no!“ – bis natürlich doch wieder jemand probierte.
Einmal nahm eine Kollegin einen riesigen Schluck von einer Suppe, weil sie dachte, die sei ganz normal. Nein. Schrecklich. Danach wussten wir endgültig, wofür die Milch da war. Ein kleiner Schluck, im Mund behalten, langsam wirken lassen – solche Dinge lernten wir damals nebenbei.
Und plötzlich waren wir selbst im Film
Einmal war der Regisseur Manoj Agrawal bei uns im Hotel. Er fragte meinen Vater, ob er ein paar Kinder für eine Szene kenne.
Natürlich war ich dabei. Ich holte Freunde dazu – eine kleine internationale Gruppe – und plötzlich standen wir mitten in einer richtigen Filmproduktion.
Agrawal erklärte uns selbst, was er sich für die Szene vorstellte. Eine Person aus dem Team, die in der Schweiz viel für die Crew organisierte, vermittelte uns seine Anweisungen.
Es gab für uns keine komplizierte Choreografie. Die Idee war eher: Er kommt ins Bild. Wir gehören irgendwie zu ihm. Wir laufen mit, bewegen uns, tanzen ein bisschen. Durch diese Energie sollte rüberkommen:
„Hey, er mag dich. Er ist cool. Er ist ein Guter.“
Dann lief die Kamera.
Heute kann ich das Video anschauen und sehe uns Kinder tatsächlich ins Bild kommen. Der Junge in der Mitte mit dem violetten Oberteil, den rosa Ärmeln und der Khakihose – das bin ich.
Wahnsinn. Damals war das einfach unser Leben.
Yash Chopra, der sonst immer mit seiner Frau Pamela bei uns war, brachte meinen Eltern bei seinen Besuchen immer eine Videokassette seiner Filme mit. Das finde ich heute besonders schön. Erst in diesen Kartonhüllen, später in den typischen Plastikhüllen – mit persönlicher Widmung und Unterschrift. Nicht per Post. Beim Hallo-Sagen, persönlich überreicht.
Meine zweite kleine Welt: Poppy und ihr Dad Paul
Am Wochenende war ich oft bei meiner Freundin Poppy und ihrem englischen Dad Paul. Er war gelernter Elektriker. Zusätzlich kümmerte er sich um Haus und Anlage einer wohlhabenden Familie. Er war so etwas wie der persönliche Mann für alles vor Ort, wenn die Besitzer nicht da waren.
Für Poppy und mich bedeuteten die Wochenenden vor allem eines: Freiheit.
Wir konnten ausprobieren, bauen, herumrennen und natürlich jede Menge Blödsinn machen.
Einmal wollten wir ihm sogar etwas Gutes tun. Poppy hatte Meerschweinchen, und wir dachten: Komm, wir machen den Käfig komplett sauber. Dann kommt er nach Hause und freut sich.
Der Käfig war danach wirklich perfekt. Frisches Wasser. Alles sauber.
Nur eine Frage hatten wir nicht geklärt: Wohin mit dem ganzen Mist?
Unsere geniale Kinderlösung: ins WC damit.
Alles rein. Spülen. Fertig. Dachten wir.
Natürlich war danach alles verstopft. So richtig. Da musste jemand kommen und das Ganze wieder in Ordnung bringen. Wir hatten ein furchtbar schlechtes Gewissen.
Poppy und ich spielten damals sehr viele Streiche. Der Mist im WC war dann das I-Tüpfelchen. Die Vermieterin kündigte Paul die Wohnung. Er musste umziehen.
Danach lebte Paul in einem alten, gemütlichen Haus, fast wie ein kleines Chalet. Im Wohnzimmer wurde mit Holz geheizt. Im Winter war es heimelig, aber in manchen Zimmern auch ordentlich kalt. Auf der Matratze lag deshalb eine Heizauflage.
Draussen kalt, ins Zimmer kommen, ins warme Bett kriechen – ach, das war super. Solche Erinnerungen bleiben.
Im alten Chalet war es im Wohnzimmer immer richtig gemütlich. Das Feuer knisterte, und ich freute mich jedes Mal besonders auf eines: englische Baked Beans mit Toast. Ich sag’s dir, ich fand die so lecker. Wenn ich wusste, dass es Beans mit Toast gab, habe ich mich schon richtig darauf gefreut.
Und dazu natürlich Schwarztee mit Milch. Das gehörte für mich einfach dazu. Im gemütlichen Wohnzimmer sitzen. Das Feuer im Hintergrund, meine Beans mit Toast vor mir und dazu eine warme Tasse Schwarztee mit Milch. Das waren so kleine Momente, die ich einfach richtig genossen habe.
Dann kam Pennywise
Bei Poppy passierte aber auch etwas, das mich noch sehr lange begleiten sollte. Sie kannte schon früh Stephen-King-Filme – und irgendwann sah ich bei ihr „Es“.
Ich war ungefähr sieben.
Ganz schlechte Idee. Ich konnte nicht mehr.
Pennywise blieb für mich nicht im Fernseher. Der kam in meinem Kopf mit nach Hause. Und dort blieb er – nicht nur ein paar Nächte. Diese Angst zog sich durch meine Kindheit und wirkte sogar in meinen Teenagerjahren und noch darüber hinaus nach.
Eine Zeit lang schlief ich bei meinem älteren Bruder. Wenn ich weinte und Angst hatte, durfte ich zu ihm. Aber natürlich wurde er älter, und irgendwann kam der Punkt, an dem er nicht mehr ständig seinen kleinen Bruder bei sich schlafen haben wollte.
Zwischen seinem Zimmer und meinem lag diese offene Treppe. Tagsüber war sie einfach eine Treppe. Nachts war sie für mich furchtbar.
Die Angst vor der Treppe
In meinem Kopf war völlig klar: Wenn ich jetzt runtergehe, packt mich etwas.
Wenn ich nachts aufs WC musste, brachte ich es teilweise einfach nicht fertig, die Treppe hinunterzugehen. Also pinkelte ich irgendwann hinter meine Zimmertür – auf den fest verlegten Teppichboden im ganzen Zimmer.
Natürlich flog das irgendwann auf. Es roch. Erst dadurch wurde sichtbar, wie gross diese Angst für mich wirklich war. Schliesslich bekam ich ein Zimmer unten, damit ich nachts nicht mehr über diese Treppe musste.
Heute weiss ich: Da war nichts. Für den kleinen Jungen damals war die Angst trotzdem real.
Was Fachleute zu Horrorfilmen und Kindern sagen, habe ich hier zusammengefasst: Was passiert, wenn Kinder Horrorfilme schauen?
Wir liebten uns – und wir konnten uns wahnsinnig machen
Und dann waren da meine Brüder. Wir waren fünf Jungs. Wir konnten uns unglaublich lieben – und wir konnten uns genauso unglaublich auf die Nerven gehen.
Wenn es eskalierte, dann richtig. Schuhe flogen. Kassetten flogen. Wir sperrten uns gegenseitig in Schränke und schrien natürlich genau das, was bei mir am besten funktionierte: „Pennywise kommt dich fressen!“
Meine Nerven.
Neben der Küche stand ein Holzblock mit den Messern meines Vaters: kleine Messer, Brotmesser, Fleischmesser – und dieses grosse breite Küchenmesser. Genau dieses grosse Messer wurde in unserem völligen Kinderwahnsinn auch einmal herausgezogen, und wir rannten damit hintereinander her.
Wenn ich heute daran denke: Mensch, war das Wahnsinn von uns. Das war wirklich gefährlich. Bitte mache so etwas nie.
Richtige Deals
Zum Glück ist nichts passiert. Aber damals war die Grenze zwischen Spiel, Wut und völliger Eskalation manchmal erschreckend dünn.
Und danach? Wurde verhandelt.
Nicht so ein bisschen „Sag bitte nichts“. Nein. Richtige Deals. Tageweise. Wochenweise.
Die Hotelküche hatte in der Zwischensaison am Nachmittag Pause. So ein Deal konnte dann zum Beispiel bedeuten: heimlich drei Kugeln Eis machen, Sosse drauf, vielleicht ein Getränk organisieren. Danach musste natürlich alles genauso heimlich wieder zurück. Teller ins Wasser, Flaschen zum Leergut, bloss keine Spuren.
Fünf Minuten vorher noch völliges Chaos. Danach plötzlich Geschäftsverhandlungen.
Das war bei uns Geschwisterliebe. Sehr speziell – aber irgendwie auch typisch für uns.
Und dann gab es einen Ort ganz ohne Lärm.
Die schützende Tanne

Bei all dieser Freiheit, diesem Lärm, diesen Menschen und diesem Chaos gab es einen Ort, der nur mir gehörte.
Meine Tanne.
Wenn mir alles zu viel wurde, kletterte ich hinauf. Dort oben war Abstand. Ruhe. Niemand wollte etwas von mir. Niemand musste etwas erklären.
Ich konnte einfach da sitzen und sein.
Heute denke ich, dass diese Tanne etwas war, das ich damals noch gar nicht benennen konnte: mein sicherer Ort.
Mein Pippi-Langstrumpf-Planet war wunderschön. Er war wild, laut, international, liebevoll, manchmal furchtbar chaotisch und manchmal wirklich ohne Geländer.
Aber zwischen Bollywood, Hühnern, Geschwisterkämpfen, Pennywise und all den verrückten Geschichten gab es diese Tanne.
Dort oben musste ich nichts können. Ich musste nur ich sein.
Und vielleicht ist genau das die Erinnerung, die heute alles zusammenhält.
Ich musste nicht weniger ich werden. Ich musste nur lernen, mir selbst das Geländer zu bauen, das mir manchmal gefehlt hatte.
P.S. – Die Filmszene gibt es wirklich
Im Video siehst du mich ungefähr ab Sekunde 30 mit meinen Freunden. Ich bin der Junge in der Mitte mit dem violetten Oberteil, den rosa Ärmeln und der Khakihose. Hier kannst du dir die Szene ansehen.
Fachwissen zu dieser Folge: Was Fachleute über Horrorfilme und Kinder sagen, steht hier: Was passiert, wenn Kinder Horrorfilme schauen?
Meine Geschichte – Folge 1
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