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Legasthenie, ADHS und logisches Denken: Was ist belegt?

9. Oktober 2026
Teddy sitzt mit einem Fachmann am Tisch und löst einen Test mit Buchstaben- und Bildkarten, an der Wand hängen Gehirn-Poster.

Fachartikel mit Quellen. Kurze Sätze, kurze Absätze. Meine Erfahrung steht getrennt am Ende.

Hinweis: Das ist ein Fachartikel mit Quellen und einem getrennten Teil über meine Erfahrung. Es ist keine Diagnose und keine Beratung.

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Das Wichtigste

  • Die Aussage „Menschen mit Legasthenie oder ADHS schneiden im logischen und figuralen Denken sehr häufig überdurchschnittlich ab“ ist als Regel nicht belegt.
  • Legasthenie: Eine grosse Auswertung vieler Studien fand im Schnitt eher niedrigere Werte bei visuell-räumlichen Aufgaben. Dazu aber eine grössere Streuung: Manche schneiden sehr gut ab, andere schlechter.
  • ADHS: In IQ-Tests liegt der Durchschnitt eher etwas niedriger. Eine deutsche Studie fand das auch beim fluiden Schlussfolgern.
  • Einzelne Menschen können trotzdem klare Stärken im logischen und figuralen Denken haben. So wie bei mir.
  • Eine „besondere Arbeitsweise des Gehirns“ als Erklärung ist eine Vermutung, kein gesicherter Befund.
  • Legasthenie und ADHS kommen häufiger zusammen vor als durch Zufall. Aber nicht immer: Von Kindern mit diagnostizierter Lese-Rechtschreib-Störung haben etwa 8 bis 18 von 100 auch ADHS. Für Autismus gibt es keine verlässliche Zahl.

Wörter kurz erklärt

  • Sammelauswertung: Forschende fassen viele einzelne Studien zusammen und rechnen sie gemeinsam aus.
  • Arbeitsgedächtnis: Der Notizblock im Kopf. Man hält kurz etwas fest, während man damit arbeitet.
  • Fluides Schlussfolgern: Neue Aufgaben lösen und Regeln finden, ohne dass man sie vorher gelernt hat.
  • Standardabweichung: Ein Mass dafür, wie weit Werte vom Durchschnitt auseinanderliegen.
  • WISC-V: Ein Intelligenztest für Kinder und Jugendliche.
  • Gruppen-Durchschnitt: Der Mittelwert einer ganzen Gruppe. Er sagt nichts über einen einzelnen Menschen.
  • Lese-Rechtschreib-Störung (LRS): Der Fachbegriff, den Leitlinien für Legasthenie verwenden.
  • Begleitdiagnose: Eine zweite Diagnose, die zusätzlich besteht. Das Fachwort dafür ist Komorbidität.

Worum geht es?

Logisches und figurales Denken heisst: Muster erkennen. Formen im Kopf drehen. Regeln finden, ohne dass sie jemand erklärt.

Fachleute unterscheiden hier zwei Bereiche: fluides Schlussfolgern (Regeln und Muster finden) und visuell-räumliches Denken (Formen im Kopf drehen und zusammensetzen). Die Studien unten messen nicht alle dasselbe.

Typische Testaufgaben:

  • eine Reihe von Figuren fortsetzen
  • ein Muster mit einem fehlenden Feld ergänzen
  • Klötze nach einer Vorlage nachbauen

Diese Aufgaben brauchen kaum Sprache und kein Lesen.

Die Behauptung

Man liest oft: Menschen mit Legasthenie oder ADHS haben im logischen und figuralen Denken ein Plus. Das Gehirn arbeite eben anders.

Das klingt tröstlich. Und es passt zu dem, was manche Betroffene von sich kennen.

Die Frage ist: Zeigen das auch die Studien?

Was die Studien zu Legasthenie zeigen

1. Die grosse Auswertung vieler Studien

Eine Forschungsgruppe um Chamberlain hat 2018 Studien zusammengefasst. Es ging um anspruchsvollere visuell-räumliche Aufgaben. Ausgewertet wurden 36 Studien mit knapp 1.900 Menschen mit und ohne Legasthenie.

Das Ergebnis:

  • Im Schnitt schnitten Menschen mit Legasthenie schlechter ab.
  • Die Werte streuten bei ihnen aber mehr.

Das kann heissen: Es gibt auch sehr starke Ergebnisse. Aber nicht als Regel.

2. Eine einzelne Aufgabe mit Vorteil

Eine Forschungsgruppe um von Károlyi und Winner fand 2003: Menschen mit Legasthenie erkannten „unmögliche Figuren“ schneller. Das sind Zeichnungen, die es in 3D nicht geben kann.

Die Forschenden deuten das als Talent, ein Bild als Ganzes zu erfassen. Aber es war eine einzelne Art von Aufgabe. Ein allgemeiner Vorteil folgt daraus nicht.

Was die Studien zu ADHS zeigen

1. Eine grosse Sammelauswertung

Eine Forschungsgruppe um Frazier fasste 2004 Studien zusammen. Der Gesamt-IQ bei ADHS war im Schnitt niedriger. Der Unterschied lag bei etwa 0,6 Standardabweichungen. Das sind ungefähr 9 IQ-Punkte.

2. Sammelauswertung bei Erwachsenen

Bridgett und Walker fassten 2006 Studien mit gut 1.000 Erwachsenen mit ADHS und gut 900 ohne zusammen. Auch hier lag der Durchschnitt bei ADHS etwas niedriger. Die Forschenden nennen den Unterschied aber klein und im Alltag kaum bedeutsam. Vielleicht betrifft er vor allem Menschen, die noch weitere Erkrankungen haben.

3. Eine deutsche Studie mit der WISC-V

103 Kinder und Jugendliche mit ADHS lagen in allen fünf Bereichen des Tests niedriger als eine passende Vergleichsgruppe. Am grössten waren die Unterschiede beim Arbeitsgedächtnis, beim fluiden Schlussfolgern und beim Gesamt-IQ.

Wichtig: Das sind Gruppen-Durchschnitte. Sie sagen nichts über einen einzelnen Menschen. Auch Menschen mit ADHS können einen sehr hohen IQ haben.

Woher kommt dann der Eindruck?

Das ist meine Einschätzung, kein Befund:

  • Innerhalb einer Person kann das Denken viel stärker wirken als das Lesen oder Schreiben. Das fällt auf. Auch wenn der Wert „nur“ im Durchschnitt liegt.
  • Streuung: Es gibt starke Ausreisser. Von denen hört man mehr.
  • Trost: Die Geschichte vom „anderen Gehirn mit Superkraft“ ist angenehm.

Wie wichtig jeder Punkt ist, weiss ich nicht. Dazu habe ich keine Studie gefunden.

Wie oft kommen Legasthenie und ADHS zusammen?

Chibi-Luka zwischen zwei Kreisen „Legasthenie“ und „ADHS“, die sich teilweise überschneiden: häufiger zusammen, aber nicht immer

Man hört oft: Wer Legasthenie hat, hat eigentlich immer auch ADHS oder Autismus. Das stimmt so nicht.

1. Legasthenie und ADHS

Beides kommt deutlich häufiger zusammen vor, als man durch Zufall erwarten würde. Die deutschsprachige Leitlinie zur Lese-Rechtschreib-Störung von 2016 fasst zusammen:

  • Bei Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Störung ist ADHS etwa viermal so häufig.
  • Von den Kindern mit gestellter Diagnose haben etwa 8 bis 18 von 100 auch ADHS.

Das heisst umgekehrt: Die meisten Kinder mit Legasthenie haben kein ADHS.

2. Warum die Zahlen so verschieden sind

Je nachdem, wie man misst, kommen ganz andere Zahlen heraus. Eine Studie aus Rochester in den USA hat 5.718 Kinder bis zum Alter von 19 Jahren verfolgt.

Von den Kindern mit ADHS hatte etwa die Hälfte irgendwann eine Lesestörung: 51 von 100 Jungen und knapp 47 von 100 Mädchen. Ohne ADHS waren es 14,5 von 100 Jungen und knapp 8 von 100 Mädchen.

Die Studie hat aber breit gezählt. Es reichte, wenn eine von drei Berechnungsregeln für eine Lesestörung zutraf. Und sie fragt andersherum: Wie viele Kinder mit ADHS haben eine Lesestörung?

3. Ein Teil liegt in den Genen

Eine grosse genetische Studie von 2025 hat Legasthenie mit vielen psychischen Erkrankungen verglichen. Am engsten verwandt waren die genetischen Spuren von Legasthenie und ADHS. Die Forschenden fanden 49 Stellen im Erbgut, die mit beidem zusammenhängen.

Wichtig: Das ist ein Befund über sehr grosse Gruppen. Er sagt nicht, dass ein einzelner Mensch mit Legasthenie auch ADHS hat.

4. Legasthenie und Autismus

Hier ist die Forschung viel dünner. Eine verlässliche Zahl, wie oft beides zusammen vorkommt, habe ich nicht gefunden.

Eine Übersichtsarbeit von 2022 hat 24 Studien zum Wörterlesen bei autistischen Kindern ausgewertet. In 62 von 100 Vergleichen lasen autistische Kinder nicht messbar anders als andere Kinder. Die Studien waren aber klein und sehr unterschiedlich. Sichere Schlüsse ziehen die Forschenden daraus nicht.

5. Weitere häufige Begleiter

Laut der Leitlinie von 2016 kommen bei Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Störung auch diese Schwierigkeiten gehäuft vor:

  • Rechenstörung (Dyskalkulie): bei 20 bis 40 von 100 Kindern mit gestellter Diagnose.
  • Angststörungen: bei etwa 20 von 100.
  • Depressive Störungen: bei etwa 14 bis 15 von 100.
  • Sprachstörungen: gehäuft, aber eine verlässliche Zahl gibt es nicht.

Eine grosse britische Studie von 2005 mit Kindern zwischen 9 und 15 Jahren deutet an: Probleme beim Lesen und Schreiben können selbst das Risiko für Angst erhöhen. Besonders bei Kindern, die ohnehin ängstlich sind.

6. Was das für die Abklärung heisst

Die Leitlinie empfiehlt: Wenn eine Lese-Rechtschreib-Störung abgeklärt wird, soll man auch prüfen, ob ADHS, eine Angststörung oder eine Rechenstörung dazukommt. Das soll in die Förderung einfliessen.

Autismus steht nicht auf dieser Liste. Und für Erwachsene gab es 2016 laut Leitlinie noch keine passenden Testverfahren und Behandlungen.

Was offen bleibt

  • Es gibt keine gesicherte Erklärung, warum manche Menschen mit Legasthenie bei figuralem Denken stark sind.
  • Viele Studien sind klein. Gruppen werden unterschiedlich ausgewählt.
  • Tests unterscheiden sich. „Figurales Denken“ ist nicht eine einzige Fähigkeit.
  • Ob Menschen mit beidem (ADHS und Legasthenie) ein eigenes Muster haben, ist unklar.

Meine Erfahrung

Das ist meine Geschichte. Sie ist kein Beleg für alle. Ich schreibe auch in „Pausenhof statt Klassenzimmer“ darüber.

Mit neun Jahren war ich beim Schulpsychiater. Ich musste viele Bögen ausfüllen. Er hat mich Schritt für Schritt begleitet.

Es gab einen Rechtschreibtest, einen Lesetest und einen kognitiven Test. Sinneswahrnehmung und Sprache wurden auch geprüft.

Danach bekam ich die Diagnose Legasthenie.

Im logischen und figuralen Denken war ich überdurchschnittlich. Auch bei späteren IQ-Tests war das stark.

Das heisst nicht: Alle mit Legasthenie können das. Es heisst nur: Bei mir war es so.

Was ich daraus mitnehme

Chibi-Luka schaut verwirrt auf durcheinanderfliegende Buchstaben und Fragezeichen, in der Gedankenblase passen bunte Puzzleteile zusammen

Ich will weder kleinreden noch grossreden.

Wenn du Legasthenie oder ADHS hast, sagt das nichts über dein logisches Denken. Weder nach oben noch nach unten.

Wenn du Denkstärken hast: Super. Dann sind es deine Stärken.

Wenn nicht: Dein Wert hängt nicht von einem Test ab.

Hilfe und Infos

Wenn du für dich oder dein Kind Rat suchst:

Quellen

Ich habe diese Studien über Zusammenfassungen und Fachseiten gelesen, nicht im vollen Text. Ausnahme: Die Leitlinien-Zusammenfassung von 2016 habe ich ganz gelesen. Genaue Zahlen findest du in den Originalen.

  • Chamberlain, Brunswick, Siev & McManus (2018): Meta-analytic findings reveal lower means but higher variances in visuospatial ability in dyslexia. British Journal of Psychology, 109(4), 897–916. doi.org/10.1111/bjop.12321
  • von Károlyi, Winner, Gray & Sherman (2003): Dyslexia linked to talent: Global visual-spatial ability. Brain and Language, 85(3), 427–431. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12744954 · doi.org/10.1016/S0093-934X(03)00052-X
  • Frazier, Demaree, Youngstrom (2004): Meta-Analysis of Intellectual and Neuropsychological Test Performance in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Neuropsychology, 18(3), 543–555. doi.org/10.1037/0894-4105.18.3.543
  • Bridgett & Walker (2006): Intellectual functioning in adults with ADHD: A meta-analytic examination of full scale IQ differences between adults with and without ADHD. Psychological Assessment, 18(1), 1–14. doi.org/10.1037/1040-3590.18.1.1
  • Pauls, Daseking, Jacobs, Werpup & Petermann (2018): Intelligenzdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS: Eine Analyse der WISC-V-Leistungsprofile. Kindheit und Entwicklung, 27(3), 165–174. econtent.hogrefe.com/doi/10.1026/0942-5403/a000256
  • Für die Umrechnung in IQ-Punkte: Übersichtsartikel in Frontiers in Psychology (2016), der Frazier et al. (2004) zitiert. doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00794
  • Galuschka & Schulte-Körne (2016): The Diagnosis and Treatment of Reading and/or Spelling Disorders in Children and Adolescents. Deutsches Ärzteblatt International, 113(16), 279–286. Zusammenfassung der deutschsprachigen Leitlinie zur Lese-Rechtschreib-Störung. doi.org/10.3238/arztebl.2016.0279
  • Yoshimasu et al. (2010): Gender, attention-deficit/hyperactivity disorder, and reading disability in a population-based birth cohort. Pediatrics, 126(4), e788–e795. doi.org/10.1542/peds.2010-1187
  • Ciulkinyte et al. (2025): Genetic neurodevelopmental clustering and dyslexia. Molecular Psychiatry, 30(1), 140–150. doi.org/10.1038/s41380-024-02649-8
  • Vale, Fernandes & Cardoso (2022): Word reading skills in autism spectrum disorder: A systematic review. Frontiers in Psychology, 13, 930275. doi.org/10.3389/fpsyg.2022.930275
  • Carroll, Maughan, Goodman & Meltzer (2005): Literacy difficulties and psychiatric disorders: evidence for comorbidity. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 46(5), 524–532. doi.org/10.1111/j.1469-7610.2004.00366.x

Meine Geschichte dazu: Pausenhof statt Klassenzimmer – meine Schulzeit

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