
Zwischen 15 und 16: Sprachschule, Rauswurf und die erste große Liebe
Hinweis: In diesem Beitrag geht es um Cannabis- und Alkoholkonsum in meiner Jugend und um den Anfang mit Kokain. Hilfe findest du am Ende des Beitrags.
Das neunte Schuljahr im Internat
Im Jahr zwischen 15 und 16 konnte ich das neunte Schuljahr im französischsprachigen Teil der Schweiz machen. Es war eine Sprachschule in einem Kloster, mit Internat.
Mit dem Zug war das fast dreieinhalb Stunden von zu Hause entfernt. Eine ganze Woche nicht zu Hause: Das war wirklich das erste Mal für mich.
Es war voll aufregend. Ich hatte so Freude, und eigentlich ging es mir gut.
Ich rauchte einfach täglich Cannabis. Natürlich gab es auch an dieser Schule Leute, die kifften.
Da war eine süße, ganz liebe Mausi. Émilie. Sie kiffte auch jeden Tag. Eigentlich waren wir voll die Kiffer. Wir gingen immer zusammen raus und kifften.
Monaco & die Nonnen
Am Mittwochabend hatten wir immer Ausgang. Dann waren wir im Pub und tranken Monaco. Dort habe ich dieses Getränk kennengelernt: Grenadinesirup mit Bier. Das war voll unser Drink.
Wenn wir danach ins Internat zurückkamen, schauten die Nonnen immer ganz genau hin. Das war jedes Mal urschlimm.
Abends hatten wir oft noch Etude, von acht bis neun, oder sonst noch Informationen im Saal. Dort schauten die Nonnen einem mega in die Augen.
Wir hatten natürlich immer Visine-Augentropfen dabei, damit die Augen nicht rot waren. Aber manchmal war ich so bekifft, dass ich in Panik war. Ich wusste: Die Nonne kontrolliert voll.
Wenn sie dir in die Augen schaute, durftest du nicht gleich wegschauen. Sonst hieß es sofort: „Was ist los?“ Also hieß es: lächeln, „Hallo“ und am besten noch winken.
Nach einer Zeit hatten mich die Nonnen natürlich durchschaut. Vor allem mich hatten sie total im Visier.
Die blöden Coupons
Nach ungefähr vier Wochen galt die Regel: Ab jetzt wird nur noch Französisch gesprochen.
Wer Deutsch sprach und von einer Nonne gehört wurde, bekam einen Coupon. Ein Coupon hieß: am Freitag eine Stunde nachsitzen. Mit vier oder fünf Coupons musste man bis Samstagmorgen bleiben.
Ich musste leider sehr viel nachsitzen, meistens eine bis drei Stunden. Am Freitag durften wir, glaube ich, um zwei Uhr gehen. Meine Zugverbindung nach Hause hatte ich aber nur bis etwa fünf Uhr. Danach war vorbei.
Mit vier Coupons hatte ich also keine Verbindung mehr und musste dort schlafen. Über die ganze Zeit war das sicher neun bis elf Mal.
Diese blöden Coupons haben mich kaputt gemacht. Meine Nerven! Ich konnte nicht mehr. Das war Wahnsinn. Schrecklich, diese Coupons damals. Die haben mich fertiggemacht.
Moulin Rouge an Weihnachten

An Weihnachten gab es Auftritte. Sabine, Martina, Stefanie und ich entschieden: Wir machen eine Miniplayback-Show.
Wir machten „Lady Marmalade“ aus Moulin Rouge, mit Christina Aguilera, Lil’ Kim, Pink und Mýa. Ich war natürlich Christina. Sabine war Mýa, Martina machte Lil’ Kim und Stefanie war Pink. Meine Güte!
Und das in einer Klosterschule.
Aber die drei Haupt-Nonnen waren sehr modern. Sie gingen mit der Zeit mit und wussten, wie Jugendliche ticken.
Sie fanden es eigentlich witzig. Es ist halt ein Song, den es schon lange gibt, und Moulin Rouge ist auch eine Geschichte aus Paris, also etwas Kulturelles. Sie nahmen es voll cool an.
Es gab natürlich auch noch Oldschool-Nonnen. Die meisten waren eher im Hintergrund und gar nicht mit der Schule verbunden.
Eine davon schaute mich seitdem immer böse an. Zum Glück hatte ich sie nicht als Lehrerin. Sie unterrichtete nur die bessere Stufe, und ich glaube, für Anfänger hatte sie einfach keine Nerven.
Ich war natürlich bei den Anfängern, also bei denen, die eigentlich noch kein Französisch konnten. Émilie dagegen sprach perfekt Französisch. Ihre Mutter ist Französin, sie selbst kam aus Basel.
Es war so eine schöne Zeit. Alle waren so lieb, und es war lustig. Vor allem hatte ich dort so coole Frauen um mich. Das tat mir sehr gut.
Über beide Ohren verliebt

An der Französischschule habe ich mich unglaublich verliebt. Jacques. Jacques, Wahnsinn! Es war das erste Mal, dass ich komplett über beide Ohren verliebt war.
Jacques kam aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Er sprach kein Deutsch, nur Französisch. Émilie ging mit ihm in dieselbe Schule.
Er war leider heterosexuell. Anfang Dezember kam er mit Émilie zusammen, meiner besten Freundin von dort. Das fand ich eigentlich mega schön.
Viele sagten damals zu mir: „Hey, jetzt ist sie mit ihm zusammen. Findest du das nicht unfair?“
Ich sagte einfach: „Er steht sowieso auf Frauen. Also finde ich es schön, dass eine Freundin von mir ihn hat.“
Aber ich war so verliebt in ihn. Die ganze Zeit hörte ich „I Will Always Love You“ von Whitney Houston. Oh mein Gott, und ich konnte weinen.
Ich hörte das Lied die ganze Zeit. Schrecklich, schrecklich. Ich weinte dazu und stieg mich so richtig hinein. Richtig in das Gefühl. Ich ließ mich los. Es war ein Wahnsinn. Ich habe mich so richtig zum Gefühl gemacht.
Das war auch eine Zeit, in der ich mir so gewünscht hätte, ich wäre Émilie. Da kam wieder dieser Drang: Ach, warum bin ich nicht ein Mädchen? Mit braunen Augen und braunen Haaren, so wie Émilie. Mensch, Wahnsinn. Warum bin ich nicht ein Mädel?
Ich wollte damals Émilie sein. Die kleine, süße Émilie.
Das war Wahnsinn, die Gefühle, die ich damals für diesen Jungen hatte.
Meine Gefühle waren riesig. Ich konnte mich so in etwas hineinsteigern. Ich war komplett auf der Suche. Ich dachte, ich müsste unbedingt einen Partner haben, damit alles richtig und komplett ist.
Der Rauswurf
Dann kam der Zeitpunkt. Es war so gegen Ende Winter.
Ich wurde gerufen und sollte mitkommen. Wir gingen zusammen in mein Zimmer. Die Nonne war sowieso schon dort gewesen und hatte durchsucht. Es roch halt so. Sie ging gleich zur richtigen Stelle.
Das war auch dumm von mir. Wirklich dumm von mir.
Sie fand das Gras. Und das hieß: raus. Ich wurde rausgeschmissen. So war das damals.
Was ich dann erlebte, war Wahnsinn. Ungefähr 20 Schülerinnen und Schüler waren da, alle auf der Treppe. Eigentlich hätten sie noch Schule gehabt. Wir weinten alle.
Jemand hatte Handschellen und machte mich damit an einer Freundin fest, auch so eine Süße.
Dann kamen zwei, drei Nonnen und sagten: „Hey, ihr müsst zur Schule kommen.“ Aber alle sagten: „Nein. Wenn er gehen muss, streiken wir.“
Und sie streikten wirklich. Den ganzen Nachmittag. Und am Abend auch die Etude, die Aufgabenstunde von acht bis neun, in der man sonst immer im Klassenzimmer sein musste.
Die Nonne sagte später zu meiner Mutter, so etwas habe sie noch nie erlebt. Es tat ihr sogar leid, es hat sie sehr berührt. Aber die Regeln waren nun mal so.
Meine Eltern waren dort voll cool. Mit mir waren sie natürlich aggro.
Vier Monate in der Deutschschweiz
Weil es mein neuntes Schuljahr war, musste ich irgendwo noch Schule machen können. Also kam ich an eine andere Schule in der Deutschschweiz, eine Schule für das zehnte Schuljahr. Ich machte dort aber einfach das neunte, nur für vier Monate.
Mit dem Zug war ich jeden Tag weit über eine Stunde unterwegs. Das war damals Wahnsinn.
Joints im Zug
Damals konnte man im Zug noch rauchen. Und ich sag’s dir: Bei uns in der Schweiz war das so schlimm. Überall wurde gekifft.
Früh am Morgen saß ich schon mit dem Joint im Zug und hatte ihn angeraucht. Im ersten Zug war auch meine Freundin Kiki. Ich habe sie immer empfangen. Drei Stationen weiter stiegen die Kollegen ein und rauchten mit. Beim nächsten Umsteigen kamen noch mehr Leute dazu.
Am Ende waren wir ungefähr acht Personen im Rauch, die am Morgen Joints rauchten. Alle waren unterwegs zur Schule. Viele gingen an meine Schule, andere an die Schule von Kiki.
Wenn ich mir das heute vorstelle: Wahnsinn, wie damals in den Zügen geraucht wurde.
Neuchâtel, Bern & Biel
Kiki und ich meldeten uns gegenseitig ab. Im Zug riefen wir an. Ich gab mich bei ihrer Schule als ihre Mutter aus, und sie gab sich bei meiner als meine Mutter aus. So meldeten wir uns ständig krank.
Dann machten wir Ausflüge. Wir waren viel in Neuchâtel, viel in Bern und auch viel in Biel. Das waren unsere Orte.
Einmal waren Kiki und ich in Neuchâtel mit einem Pedalo auf dem See. Wir waren so bekifft, wir hatten so viel geraucht. Und dann kam ein Riesenschiff auf uns zu und hornte schon von weitem. Es hornte die ganze Zeit.
Wir sind so voll erschrocken. Wir haben zusammen so geschrien, das war wirklich schrecklich. Wir hatten so Angst. Wir paddelten und waren so gleich weg. Und das Schiff hinter uns, und wir nur am Schreien. Mensch, Wahnsinn.
Wenn ich heute daran denke: Zum Glück ist uns nichts passiert.
Kiki und ich haben immer, wenn wir geraucht haben, zusammen geträumt. Wir sind Stars. Relaxed. „Do it, everybody gonna do it.“ Wir waren einfach wirklich so am Träumen.
In Neuchâtel wollte ich ein Piercing, und Kiki auch. Sie hatte eine schöne Handschrift. Also schrieb sie einen Brief, angeblich von meiner Mutter, und einen für sich: die Erlaubnis, mit Unterschrift, dass ich ein Piercing machen dürfe. Damals ging das noch.
Ich ließ mir den Bauchnabel unten stechen. Das hatte ich in einem Bravo-Heft bei einem Rapper gesehen: nicht oben, wie es alle haben, sondern unten. Das wollte ich natürlich auch. Dazu kamen Piercings oben an den Ohren. Ach, das war verrückt.
Damals wurde noch Cannabis verkauft. Nach Biel und Bern fuhren wir zum Kaufen. Weil wir beide noch nicht 18 waren, standen wir einfach draußen vor dem Geschäft.
Wir fragten alle, bis jemand für uns kaufte. Wir hatten Hunderte Franken dabei und sagten: „Kannst du uns etwas holen? Du kriegst auch einen Rauchi dafür.“
Immer öfter sagten wir die Schule ab. Immer mehr Tage verbrachten wir mit Kiffen. Und mit Piercings. Wahnsinn.
Durchgefallen
Gelernt habe ich nichts. Ich fehlte viel, und für mich war es schon an der Französischschule sehr schwierig gewesen.
Im Internat hatten sie noch geschaut. Es gab Nachhilfe, und sie gingen auf mich ein. Aber ich habe nichts kapiert. Bei den Nonnen war es streng: Ich musste mitmachen. Jedes Mal, wenn ich mich drücken wollte, standen sie bei mir, bis ich das Zeug aufgeschrieben hatte. Das war krass.
Der anderen Schule war alles egal. Ob du mitgemacht hast oder nicht. Ich meldete mich immer ab, sie bekamen ihr Geld, also waren sie zufrieden. Ich war ihnen wirklich voll egal.
Dann kam die Abschlussprüfung. Ich konnte natürlich nichts und fiel durch. Eine abgeschlossene Schule habe ich eigentlich nicht. Damals war das halt so.
Und dann kam das Kokain. Es fing eigentlich schon im letzten Monat der Schule an, so Ende April, glaube ich. So hat das Ganze angefangen.
Was danach kam, erzähle ich in Folge 7.
Fachwissen zu dieser Folge: Zu Liebeskummer und starken Gefühlen bei ADHS gibt es einen Fachartikel mit Quellen: Liebeskummer bei ADHS: starke Gefühle bei Jugendlichen. Das ist Fachwissen, keine Beratung und keine Therapie.
Wenn du Hilfe brauchst
Wenn dich dieser Text belastet oder du selbst mit Alkohol, Drogen oder Sucht kämpfst, kannst du dir Hilfe holen:
- Notfall: 144 (Schweiz und Österreich), 112 (Deutschland)
- Schweiz, für junge Menschen: Pro Juventute 147, rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich
- Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, auch Chat und Mail. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieter können kleine Gebühren anfallen.
- Schweiz, Suchtfragen: SafeZone.ch, Online-Beratung, kostenlos und anonym
- Deutschland: Nummer gegen Kummer 116 111 (Kinder und Jugendliche), Telefonseelsorge 0800 111 0 111
- Österreich: Rat auf Draht 147 (Kinder und Jugendliche), Telefonseelsorge 142
Was mir heute hilft: Wie ich heute zur Ruhe komme, wenn im Kopf zu viel los ist, erzähle ich im Kompass: Fünf Sinne: Über welchen komme ich zur Ruhe?
Meine Geschichte – Folge 6
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