
Streiche, Märkte, Skihütte und ganz viel Freiheit rund ums Hotel
Hinweis: Das ist meine Kindheitserinnerung. Manches davon war gefährlich, bitte nicht nachmachen. Alle Namen sind von mir geändert, sie passen aber zu den Menschen.
Das Dorf war mein Spielplatz
Wenn ich heute an meine Kindheit im Dorf denke, muss ich zuerst grinsen. Dann denke ich: Wahnsinn.
Wir hatten unglaublich viel Freiheit. Nachbarskinder und Schulkameraden durften immer vorbeikommen. Immer. Der Spielplatz lag direkt nebenan.
Hausaufgaben? Die habe ich oft geschwänzt. Der Spielplatz war einfach spannender.
Meine besten Freunde
Meine besten Freunde kamen aus der ganzen Welt:
- Bajram, Ermir und Isni aus dem Kosovo. Sie waren wegen des Krieges geflüchtet.
- Jamal aus Afrika
- Niran aus Thailand
- Diaz aus der Dominikanischen Republik
Bei ihnen habe ich mich richtig wohlgefühlt. Niemand hat mein Deutsch korrigiert. Ich konnte einfach reden.
Das war nicht überall so, davon habe ich schon in „Pausenhof statt Klassenzimmer“ erzählt.
Ponyreiten und Brihanna

Ich bin auch geritten, auf Ponys. Dort waren wir mit den Kindern aus dem anderen Dorf.
Ich hatte dort ein Pflegepony. Zusammen mit zwei anderen Mädels waren wir für dieses Pony verantwortlich. Das habe ich oft gemacht. Dabei waren vor allem die Mädels aus dem Nachbardorf. Aber auch Leute aus unserem Dorf waren mit dabei.
Und dort habe ich meine grösste Mausi kennengelernt: Brihanna.
Dort habe ich auch Ashley kennengelernt. Sie kam wie Brihanna aus dem Nachbardorf.
Wir hatten so viel Spass. Wir lachten immer laut, wenn wir zusammen waren. Wir waren Seelenverwandte. Wir waren ein Pack.
Wir haben uns so toll verstanden. Von Anfang an waren wir einfach gleich eins. Daraus wurde eine langjährige Freundschaft.
Streiche, Streiche, Streiche
Mit dieser Truppe gab es jede Menge Blödsinn. Ich war damals zwischen acht und elf Jahre alt.
Klingelstreiche. Klassiker. Bei einer bestimmten Klingel musste man richtig schnell sein. Der Mann dahinter war sehr wütend. Wer zu langsam war, bekam eine Ohrfeige.
Schuhe vertauscht. In der Badi-Garderobe haben wir die Schuhe der Badegäste vertauscht.
Harassen-Türme. Beim Getränkelager standen leere Harassen zu Türmen gestapelt. Die mussten umfallen. Mindestens drei Türme, und je mehr, desto besser. Dann kam eine wütende Frau. Sie war schnell. Man musste die Schlupflöcher kennen oder sich gut verstecken. Manchmal hat sie uns erwischt und uns an den Haaren gezupft.
Das Dach. Hinter einem Haus gab es eine Dachschräge. Man ging hinauf und sprang vorne in den Garten. Dort kam ein wütender alter Mann. Wir mussten schnell weg. Wen er erwischte, den hat er gepackt und durchgeschüttelt. Dann musste man zuhören, sich entschuldigen und versprechen, es nie mehr zu tun.
Der Waggon. Am Bahnhof stand ein kleiner Transportwagen. Wir haben wild darauf gespielt. Die Bremse bediente man mit einem runden Rad, wie ein Lenkrad. Man drehte es im Kreis, die Bremse löste sich, und der Wagen fing an zu rollen. Sehr langsam. Aber die Frau vom Bahnhof hatte uns schon im Auge. Sie kam gleich heraus und hat den Wagen gebremst. Unglaublich verrückt. Auf keinen Fall nachmachen!
Die Felswand. Wir waren acht oder neun Jahre alt. Am steilsten Hang beim Dorf ging es etwa fünf Meter felsig hinunter. Es war eine Schräge, kein senkrechter Absturz. Wir hielten uns aussen am Geländer fest und hingen so lange, wie wir konnten. Wer sich nicht mehr halten konnte, rutschte mit Händen und Füssen die Schräge hinunter. Dabei hat man sich an den Steinen die Hände verschürft.
Wenn ich heute daran denke, ist das ziemlich gefährlich. Vor allem die Felswand.
Damals war das für mich lustig, aber mit Angst verbunden. Ein Adrenalinkick, vor allem die Mutproben. Ich war ein richtiger kleiner Sapperlot und Lausbub.
Wurst, Käse und Brötchen zum Probieren
Im Dorf kannte man uns. Und das hatte Vorteile.
Meine Eltern bestellten fürs Hotel sowieso alles bei den Geschäften im Dorf. Sie waren Stammkunden. Meine Mutter ist mit uns auch fürs Chalet einkaufen gegangen. Und dann haben wir immer etwas zum Probieren bekommen. Kein ganzes Essen, eher ein Häppchen wie ein Muster.
Beim Metzger gab es ein Stück Wurst. Wenn die Frau dort für meine Mutter Käse schnitt, hat sie uns gleich ein Stück Käse zum Probieren gegeben. Einfach so.
Beim Bäcker habe ich einfach alles auf die Rechnung vom Hotel schreiben lassen. Das durfte ich eigentlich nicht. Ich habe es trotzdem immer wieder gemacht, für Eis, Brötchen und so.
Aber das gab es nur, wenn ich allein war oder mit Poppy zusammen. Poppy, meine Freundin vom Wochenende, kennst du aus „Mein Pippi-Langstrumpf-Planet“.
Die Skihütte von Oma und Opa

Meine Oma und mein Opa hatten eine Skihütte auf dem Berg nebenan. Sie lag gleich an einer Skipiste, in der Nähe der Bergstation.
Früher war das Haus ein Berghaus für Bauern. Vorne war der Wohnbereich: unten die Küche und das Wohnzimmer, dazu eine Terrasse. Über einen Gang kam man zum Stall, und dort ging eine Treppe hinauf. Oma und Opa haben vieles umbauen lassen. Ganz am Anfang gab es nur ein Plumpsklo, mit der Zeit dann eine richtige Toilette. Es war wirklich mega schön.
Im Winter war ich dort oben, mit meinen Cousins. Wir sind wild Ski gefahren. Es war voll Action. Mensch, war das cool.
Bei viel Schnee durften wir unter der Aufsicht von Opa vom Dach springen. In den weichen Schnee, zwei bis drei Meter hoch. Hinter dem Haus stand der Stall, und der Hang ging dort nach oben. Darum war es hinten nicht so hoch. Der Stall lag sowieso etwas tiefer als das Haus vorne.
Und Opa hat uns immer verrückte Dinge gebaut: Tunnel, einen Iglu, wilde Wege über das Dach vom hinteren Haus.
Wahnsinn. Das war schön.
Der Schmunzelmann vom Wald
Wenn wir nicht schlafen wollten, sagte unsere Oma:
„Schlaft jetzt, sonst kommt der Schmunzelmann vom Wald und frisst euch.“
Seit der Zeit mit der Skihütte hiess es: „Der Schmunzelmann ist da im Wald.“
Natürlich hatte ich auch Angst vor ihm. Heute denke ich: Eigentlich schon krass, wie man das früher mit uns gemacht hat. Aber so war das eben damals.
Die ganz grosse Angst hatte ich aber vor Pennywise. Davon habe ich in „Mein Pippi-Langstrumpf-Planet“ geschrieben.
Der Dorfmarkt
Es gab etwa sieben Märkte im Jahr. Zwei davon waren riesig. Unser Hotel stand mittendrin.
Der Markt war für uns ein Ritual. Keine Ahnung, warum. Es war wie an Ostern das Nest suchen.
Ich denke, der Älteste hat damit angefangen, und so zog sich das Ritual durch, von uns bis zum Jüngsten. Für uns gehörte der Markt einfach dazu, wie Weihnachten mit Geschenken, Ostern mit Nestersuchen oder ein Geburtstagsfest mit den Schulkameraden.
An Markttagen bin ich durchs ganze Hotel gegangen und habe alle gefragt, ob ich eine Münze bekomme. In der Küche, bei der Tante an der Rezeption, beim Servicepersonal. Meine Brüder und ich haben das alle gemacht.
Trinkgeld vom Markt
Vom Service gab es immer am meisten, weil die an den Märkten gutes Trinkgeld machten. Das waren 1-, 2- oder 5-Franken-Stücke. Am Ende hatte ich zusammen 20 bis 30 Franken.
An den zwei grossen Märkten waren die ganze Terrasse, der Beizhof, der Mittelsaal und der grosse Saal offen. Dort gab es Getränke und Service. Für die Marktgäste arbeiteten sieben bis acht Leute im Service, drei bis vier Damen am Buffet und fünf in der Küche.
Und es waren fast alle da: Schulkameraden, die Tanzlehrerin vom Jazz und Ballett, der Volleyballtrainer. Durch den Markt hat man die ganze Schule gesehen. Am Bouillon-Stand durfte man immer eine Probe-Bouillon probieren.
Von meinem Geld gab es sicher mal eine Zuckerwatte, Mandelbrot und gebrannte Mandeln. Und dann meistens Spielmesser, Spielgewehre, Wasserpistolen und Armbänder.
Stammgäste und Silvester
Im Hotel gab es Gäste, die jedes Jahr wiederkamen. Für uns waren sie wie Familie. Viele kannten wir schon von klein auf.
Manche kamen im Sommer, andere im Winter. Und es kamen Familien mit Kindern. Wir sind fünf Jungs. Mein zweitältester Bruder ist vier Jahre älter als ich, mein zweitjüngster Bruder fünf Jahre jünger. Die Gästekinder waren in allen Altersstufen, so wie wir.
Wir wussten immer genau, welche Kinder im Winter da waren und welche im Sommer. Das war jedes Mal Action.
Ich habe mich immer aufs Fangenspielen gefreut. Im Keller vom Hotel oder in der Lagerabteilung, die abends leer war. Das war mega.
Und es gab diesen einen Tag: der erste Schneetag im Winter. Der war für mich wie der erste Schwimmbadtag im Sommer. Einfach cool.
Clown und Prinzessin an Silvester
An Silvester habe ich mich mit Poppy verkleidet. Ich war ein Clown, wegen meinem Trauma mit „Es“. Ich dachte: Wenn Pennywise kommt, ist er vielleicht stolz auf mich und frisst mich nicht. Poppy war Prinzessin.
Wir sind von Tisch zu Tisch gegangen und haben gesungen: „I wish you a merry … and a happy new year“, dreimal. Die Leute haben sich gefreut. Wir bekamen Schokolade.
Bei Familien mit Kindern haben meine Eltern Tischbomben besorgt, also Partyknaller. Die Familien hatten selber auch welche. Und es gab dieses Ding mit dem speziellen Löffel: Man erhitzt etwas, bis es flüssig wird, und schüttet es ins Wasser. Die Figur steht für das Glück im nächsten Jahr.
Kein Geländer
Viel Spass. Wenig Grenzen.
Und das war schön. Ehrlich.
Fachwissen zu dieser Folge: Was Fachleute zu Regeln, Streit und Halt für Kinder sagen, steht hier: Wenn das Geländer fehlt: Regeln, Streit und was Kinder brauchen
Meine Geschichte – Folge 3
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